Die Rinde

Ein Material, das uns täglich begegnet und durch das Sichtfeld wandert, aber trotzdem wenig Beachtung findet oder sogar zum Abfallprodukt wird. Die grau braune, harte Oberfläche wirkt tot und erstarrt, schützt das darunter liegende Holz dadurch aber besonders effektiv vor äußeren Umwelteinflüssen, wie Sonneneinstrahlung, zu starken Temperaturschwankungen im Stamm, Pilz- und Insektenbefall oder Feuer. Bast und Borke bilden zusammen die Rinde. Wir meinen mit dem Ausdruck aber meistens nur die für uns sichtbare Schicht der Borke.
BORKE
Die äußerste harte Schicht aus abgestorbenen Bastzellen, mit eingelagerten Gerbstoffen ist die Borke und schützt den Baum als Epidermis vor allen äußeren Einflüssen wie Witterung, Temperatur oder Pilzbefall. Sie reißt durch das Dickenwachstum in, für die jeweilige Baumart, charakteristischer Weise auf und bildet die verschiedensten vielfältigen Oberflächen, Strukturen und Farbvariationen aus.
BAST
Direkt unter der Borke liegt der Transportweg für alle in Wasser gelösten Nährstoffe, wie photosynthetisch erzeugte Zuckerverbindungen, die zwischen Blättern und Wurzel und seltener auch in die andere Richtung über den gesamten Baum transportiert werden müssen.
KAMBIUM
Das unter der Rinde liegende teilungsfähige Kambium, produziert nach innen Holzzellen, nach außen Bastzellen. Diese Schicht ist für das Dickenwachstum verwantwortlich.
HOLZ
Weiter innen folgt der Holzkörper aus dem helleren aktiven Splintholz, das Wasser und Nährstoffe in die Krone leitet und dem leblosen Kernholz.

Ästhetik

Mit zunehmendem Alter verändert sich die Rinde also permanent. Wunden werden schnell durch Harze verschlossen und langsam mit Wundholz überwachsen, bleiben aber sichtbar, als Narben, in der Erinnerung des Baumes. Das charakteristische Aufreißen zeugt von der regen Zellproduktion und zeigt uns Menschen nur ein Standbild aus dem Prozess eines wandelbaren lebendigen Wesens. Zeit hat für den Baum eine ganz andere Dimension als für den Menschen, sodass wir diese Veränderungen kaum wahrnehmen und im Leben eines Baumes mit menschlichen 80 Jahren Lebenserwartung nur aufflackern.

Je borkiger die Rinde wird, desto mehr Räume und Verstecke bietet sie Bewohnern wie Insekten. Mit der Zeit siedeln sich Moose und Flechten auf der Oberfläche an. Flechten als Symbiose aus Pilz und Alge sind kein Anzeichen für einen kranken Baum, sondern Indikator für die Luftqualität. Sie geben der Rinde facettenreiche Farbakzente von Türkis über Gelb bis Orange. Moose wachsen auf der schattigen, feuchten Stammseite und lassen einen Warm-Kalt-Kontrast zu warmen Brauntönen der übrigen Broke entstehen. Die rhythmischen einer geheimen inneren Gesetzmäßigkeit folgenden Risse und erhabenen Schuppen bilden ein detailreiches Relief, mit vielfältigem Schattenwurf je nach Beleuchtung. Feuchtes Moos, filigrane dünne Flechten, raue, spitze Hügel und Täler der Borke bieten neben der Optik vor allem ein haptisches Erlebnis. Beim Sterben oder dem Verfall des Baumes dringen Pilze durch beschädigte Rinde in das offene Holz ein, deren farbenfrohe Fruchtkörper aber auch wieder außen auf der Borke zu sehen sind.
„Die ästhetische Qualität eines Materials ist die charakteristische Weise, in der man es empfindet.“
~ Böhme, Gernot. Atmosphäre : Essays zur neuen Ästhetik.
   3. Auflage 2013. Berlin: Surkamp, 2017, S. 56.

Naturschöne RInde

Die Philosophen Gernot Böhme und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, die sich beide umfassend mit Naturphilosophie beschäftigt haben, liefern einige relevante Thesen, unter denen auch das Material Rinde genauer betrachtet werden kann. Ein zentraler Begriff, den beide verwenden, ist „das Naturschöne“.

Natur auf der einen Seite sei das, was von selbst da sei und im Sinne einer Naturästhetik auch durch sein selbsttätiges Dasein berühre, so Böhme. Das Schöne auf der anderen Seite ist ein Phänomen, zu dessen Untersuchung, Definition oder Ergründung bereits viele Bücher von verschiedensten berühmten Denkern verfasst wurden. Für Hegel zumindest ist es ein kulturelles Phänomen, das von Menschen empfunden wird – so auch die Schönheit der Natur. Außerdem ist sie subjektiv, wie Claus Borgeest schreibt und hängt neben kulturübergreifenden Gemeinsamkeiten von unseren individuellen Gewohnheiten und Erlebnissen ab. Ein Empfinden für die Schönheit des Waldes und der Rinde kann sich also durch Erfahrungen bereits in der Kindheit bilden, aber auch als Ausgleich gesucht werden, falls dieser Erfahrungsbereich in der städtischen Kindheit oder auch in fortgeschrittenem Alter eher fehlt. Im Folgenden sind einige weitere Kriterien für das Naturschöne auf die Rinde bezogen.
~ G.W.F.Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik

problem

In der Wahrnehmung besteht eine starke Driskrepanz zwischen der künstlichen Wertschätzung in Form von Deko, der Nichtbeachtung in der Natur und der enormen ästhetisch-multisensorischen Wirkung des Materials. Das Problem ist fehlende Aufmerksamkeit, zu wenig Zeit für eine intensive Wahrnehmung und die flüchtige alltägliche Begegnung, die abstumpft. Kunst besitzt nach Böhme eine Autonomie, da sie von gesellschaftlichen Aufträgen entlastet ist und könne daher die sinnliche Wahrnehmung wieder schulen und damit eine menschenbildende Funktion übernehmen.

Ziel

Durch eine Transformation des analogen Materials in die digitale Welt, soll die Lebendigkeit, nicht sichtbare Veränderlichkeit und jahrelange Reaktionszeit auf atmosphärische Weise betont werden. Eine emotional-sinnlich, handlungsentlastete Erfahrung im Sinne einer ökologischen Naturästhetik soll die Wahrnhemung schulen und die Wertschätzung eines scheinbar unbelebten alltäglichen Materials steigern.

Idee 01

Da ich im vorherigen Semester mit einer frei im virtuellen Raum schwebenden, wabernden Klangform gearbeitet habe, war meine erste Idee auch hier ein überlebensgroßes reagierendes Exponat. Der Besucher könnte mit VR-Brille unter der Borke wie ein Käfer durchlaufen und diese durch seine Position im Raum beeinflussen und beleben.

Problematisch ist die zu geringe Auflösung, bei der eine flüssige Bildausgabe als Live-Rendering von Touchdesigner an die HTC-Vive ausgegeben werden kann. Somit ist die Oberfläche, die der Betrachter aus nächster Nähe betrachtet für die geplante Wirkung zu detailarm.

Idee 02

Die wertvolle haptische Erfahrung beim Berühren und Betrachten eines echten Exponates würde bei reiner VR-Installation ebenfalls fehlen. Daher als zweites ein „klassischer“ Musuemsaufbau, der verschiedene Arten auf einem Tisch zeigt. Bei Berührung verändert sich die digitale Rinde in der Projektion und bietet Kurzinfo zur jeweiligen Baumart.

Dieser nüchterne Aufbau entspricht einem Kundenbriefing und könnte so realisiert werden. Im Uni-Kontext ist aber eine freiere Installation und das Prinzip „infromation on demand“ gefragt.

Idee 03

Hier sind die verschiedenen Exponate einer einzigen Art von Wurzel, Stamm bis Krone im Raum abgehängt. Die Berührung verändert wieder die Projektion und den Raumklang. Ein Fokus liegt auf der Oberflächenvielfalt und dem Facettenreichtum auch bei nur einer einzigen Baumart. Der Boden könnte zusätzlich mit Rindenmulch ausgelegt sein, um eine immersive Raumwirkung zu erzielen, die sogar den Geruch mit einbeziehen würde.

Das Beschaffen von geeigneten Exponaten einer einzigen Art stellt sich als schwierige Aufgabe.

Prozess

Die Informationsbeschaffung bestand im weiteren Verlauf, neben Recherche und Lektüre der philosophischen Literatur, vor allem im Sammeln von Fotos und Erfahrungen in der Natur. Verschiedene Wälder wie die Haard, Naturdenkmäler im Hertener Schlosspark oder auch eine alte Streuobstwiese in der Nähe von Gießen wurden akribisch nach spannenden Texturen und abgeworfenen Exponaten durchsucht und abgelichtet. Später erfolgten an den selben Orten Field-Recordings der Umgebungsgeräusche.

Exponate

Einige große Borkenexponate konnte ich als Abfallprodukt vom Betrieb für nachhaltige Baustoffe „Naturalis“ in Recklinghausen erwerben. Dort werden ganze Stämme geschnitten, eingelagert, aber auch Holz in einer Schreinerei weiterverarbeitet. Die Borke wird so gut wie immer vor dem Verarbeiten entfernt, da hier die meisten Schädlinge sitzen.
In den äußeren 6cm spielen sich aber das eigentliche Leben und Wachstum ab. Bohlen lassen sich nur aus einem geraden Stamm schneiden, sodass das erste Brett zum Begradigen des kegelförmigen Baumstammes geschnitten wird und meistens Abfall ist - „die Schwarte“. Im Falle der Esche liegt so ein Stück vor, das unten am Stamm geschnitten wurde, viel Borke enthält und keilförmig ist.

EschE

Fraxinus excelsior
  • Naturalis: Esche stammt aus dem Kreis Wesel
  • etwas verwittert und aufgeweicht, da draußen gelagert
  • Schwartenstück: wird zum Begradigen eines kegelförmigen Stammes zuerst geschnitten
  • enthält daher viel Borke und kaum verarbeitbares Holz: meisten Schädlinge werden entfernt, ist Abfall und wurde nicht wieder verkauft
  • kommt in fast ganz Europa vor
  • nährstoffreiche, feuchte, frische, kalkhaltige Böden
  • in Laub-/Mischwäldern
  • entlang von Bächen, Flüssen, Seeufern, auch trockenen Hängen
  • 20 – 40 m, bis 300 Jahre
  • Jugend – 40 Jahre: hellgrau und glatt
  • grau – dunkelgraue, längsrissige Schuppenborke, netzartige Textur, viele länglich rhombische Felder

Fichte

Picea abies
  • gefunden 23.02.22 am Dachsberg in der Haard
  • an der Stelle kein dichter Wald, etwas freistehender mit Lerchen, Kiefern und Buchen
  • Sturmschaden: Fichte war bereits geschädigt, viele Borkenkäferspuren, weit unten am Stamm gebrochen und viel Rinde abgeplatzt
  • in Mittel-, Ost-, Nordeuropa zu finden
  • gut durchlüftete, tiefgründige, frische, lockere Böden
  • wichtigster Baum der mitteleuropäischen Holzwirtschaft
  • max. 60 m, bis 600 Jahre
  • Jugend: rötlichbraun, feinschuppige Borke
  • Alter: dunkelgraue bis grauschwarze aufreißende Schuppenborke, in kleinen rundlichen Schuppen ablösend
  • Wetterseite oft grünlich: einzellige Grünalgen

Prototyping

Hier sind einige vorläufige Installationsversuche zu sehen, bei denen eine Leap Motion zentral über dem Borkenstück platziert wird, um die Handbewegungen genau zu tracken. Vom Schreibtisch ausgehend, wurde das Setup in immer größeren Raum übertragen und VR-Technik aus der Uni integriert. Unter Einbezug des virtuellen Raumes entsteht ein spannedes Wechselspiel zwischen dem haptisch-realen und visuell-virtuellen Erleben.